logo2.gif (3769 bytes)
 
Foto: Woeb-Stiftung
Friedensaktion in der Gedenkstätte Vossenack-Hüttgenwald



Städterpartnerschaften – Mittelpunkt der gesellschaftlichen Diplomatie

Als Hunderte bunter Luftballons über den Gräbern von 2300 im 2. Weltkrieg umgekommener Soldaten und Zwangsarbeiter aus Osteuropa auf der Gedenkstätte Vossenack aufstiegen, war dies das bewegendste Symbol der Friedensaktion, zu der die rund 600 Schülerinnen und Schüler des Franziskus-Gymnasiums mit Teilnehmern der 15. deutsch-russischen Städtepartnerkonferenz im nahegelegenen Düren zusammenkamen. „Es war wirklich beeindruckend, mit welchem Engagement die jungen Leute die Aktion vorbereitet und durchgeführt haben“, lobte Monika Tharann, Geschäftsführerin der Stiftung West-Östliche-Begegnungen, die maßgeblich dafür gesorgt hatte, dass das Friedensfest in das Rahmenprogramm der Konferenz aufgenommen wurde. „Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass eine prominentere Platzierung in der Tagesordnung noch mehr Teilnehmern die Möglichkeit geboten hätte dabei zu sein“, räumte sie ein.

Zuvor hatten vom 25. – 27. Juni rund 300 Abgesandte deutscher und russischer Partnerstädte, gesellschaftlicher Organisationen und staatlicher Einrichtungen beider Länder sowie Gäste aus anderen Ländern „am westlichsten Ende unseres Landes“, so der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Armin Laschet, bei der Eröffnung, über Ergebnisse der Zusammenarbeit und neue Projekte gesprochen.


Visaerleichterungen für Projektteilnehmer in Aussicht

Der Beauftragte der Bundesregierung für die zivilgesellschaftlichen Kontakte mit Russland, Zentralasien und den Ländern der östlichen Partnerschaft, Dr. Dirk Wiese (MdB, SPD) und Michelle Müntefering, Staatsministerin im Auswärtigen Amt, versicherten den Teilnehmern, wie wichtig gerade in den politisch schwierigen Zeiten die Entwicklung der Kontakte zwischen den Menschen in beiden Ländern sei.

Wie Dr. Wiese auf der Konferenz mitteilte, sei nun die elektronische Beantragung eines Visums auf der Tagesordnung, um beispielsweise Teilnehmern an gemeinsamen Projekten weite Anfahrtswege zur Einreichung der Unterlagen zu verweisen. Auch sollte die Vergabe von längerfristige Mehrfachvisa an Teilnehmer von Vorhaben im Rahmen der zivilgesellschaftlichen Kontakte großzügig gehandhabt werden.

Für Jelena Hoffmann, Vorsitzende der Stiftung West-Östliche Begegnungen, neben dem Deutsch-Russischen Forum und dem Bundesverband Deutscher Ost-West-Gesellschaften auf deutscher Seite Organisatoren der Konferenz, sind „Städtepartnerschaften und -kooperationen dank der Bürgerbegegnungen in verschiedenen Bereichen, wie Kultur und Wissenschaft, Medizin und IT, Energie und Klimawandel, eine eigene Sphäre der Diplomatie, die Völker nahekommen lässt – eine Städtediplomatie.“


Mit der Friedensglocke nach Weliki Nowgorod

Wie dies konkret geschieht, wurde in verschiedenen Arbeitsgruppen zu den Themenbereichen energieeffiziente und nachhaltige Entwicklung von Städten, Gemeinden und Regionen, digitale Stadt, die verbindende Rolle von Sprache Kultur und Wissenschaft, Inklusion und Teilhabe, medizinisch-wissenschaftliche und humanitäre Zusammenarbeit besprochen.

Wie die Zivilgesellschaft über Städtepartnerschaften Wege zur Verständigung und damit zur Sicherung des Friedens geht, war Gegenstand der Diskussion in einer Arbeitsgruppe, die von der Stiftung West-Östliche Begegnungen organisiert worden waren.

Zu Beginn der Veranstaltung berichteten Pfarrer Helmut Kautz aus Brück und Bio-Bauer Klaus Schulz mit Video-Unterstützung über den Friedenstreck „Titanen on Tour“ im vergangenen Jahr, bei der sie der Weg mit acht Wagen, 14 Pferden und zwei Mulis aus dem brandenburgischen Fläming über Polen, Litauen und Lettland ins russische Weliki Nowgorod, 180 Kilometer von St. Petersburg, führte. Sie berichteten von der Herzlichkeit und Gastfreundschaft, mit der sie entlang der Strecke aufgenommen wurden und welche Hilfsbereitschaft sie ein einigen schwierigen Situationen erfuhren. Am Ziel der Reise überreichten sie im Kreml von Weliki Nowgorod eine Friedensglocke, die sie aus Deutschland mitgebracht hatten und die nun im Glockenturm der Kathedrale in der alten russischen Handelsstadt schlägt.


Aus zwei mach drei – ein Zukunftsmodell der Städtepartnerschaften

Im Weiteren schlug der langjährige Vorsitzende der Stiftung, Dr. Helmut Domke, in seinem Beitrag den Bogen von der Erinnerungskultur, die bei den Städtepartnerkonferenzen 2015 in Karlsruhe und 2017 in Krasnodar das bestimmende Thema war, zu neuen Formen der interkommunalen Zusammenarbeit: „In der Kontinuität unserer Arbeitsgruppe zur Erinnerungskultur gehen wir heute inhaltlich in weiter, und zwar in zwei Richtungen: Geografisch mit der Teilnahme von Gästen nicht nur aus Deutschland und Russland, sondern auch aus Großbritannien und den USA und inhaltlich mit Berichten über praktische Erfahrungen und spannende neue Wege, Ideen und Initiativen, mit denen heute zivilgesellschaftliche Akteure die städtepartnerschaftlichen Beziehungen und die Erinnerungskultur konkret bereichern.“

Den Gedanken trilateraler Städtepartnerschaften griff auch Sergej Paramonow, geschäftsführender Vizepräsident der internationalen Vereinigung „Partnerstädte“ auf: „Diese dreiseitigen Partnerschaften sind eine effektive Form der Zusammenarbeit, die in den 80-90er Jahren von den sowjetischen Städten aktiv genutzt wurde, gerade erst in unser Bewusstsein zurückkehrt.“ Er verwies auf die erfolgreiche Partnerschaft der zentralrussischen Stadt Kostroma mit dem englischen Durham und der US-amerikanischen Stadt gleichen Namens. Mit Blick auf die Gäste aus beiden Ländern meinte er: „Möglicherweise wird der Meinungsaustausch mit ihnen zum Ausgangspunkt für die Organisation trilateraler Foren von Partnerstädten.“

Bereits gute Erfahrungen mit trilateralen Städtepartnerschaften gibt es in den USA, wie Bill Boerum von der Vereinigung Sister Cities International erklärte. Dies seien gemeinsame Projekte zwischen US-amerikanischen, afrikanischen und chinesischen Städten gewesen. „Meine Einschätzung ist, dass die Zusammenarbeit und die persönlichen Beziehungen der Teilnehmer vielleicht noch wichtiger sind als die Projektergebnisse. Im Zuge der Festigung der Beziehungen zwischen deutschen und russischen Städten begrüße ich die Idee der dreiseitigen Beziehungen unter Einschluss von amerikanischen Städten.“ Als mögliches Themenfeld nannte er die Zusammenarbeit im Bereich der medizinischen Versorgung, die für alle drei Partner von großem Interesse sei.


Alles begann mit Coventry und Wolgograd

Auf reiche Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit inzwischen 47 Partnerstädten konnte auch der Vorsitzende der Stadtduma von Wolgograd, Andrej Kossolapow, verweisen. Er sprach darüber, wie das damalige Stalingrad im Jahre 1944, noch vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges, die erste Städtepartnerschaft mit dem englischen Coventry schloss, das von den deutschen Faschisten nahezu zerstört worden war. Dies war der Beginn der inzwischen weltweiten Bewegung der Partnerstädte. Und weil die Initiative für diese Partnerschaft von den Bürgern ausging, sei dies echte „Volksdiplomatie“ gewesen. Für seine aktive Arbeit in diesem Bereich wurde Wolgograd von der UNO als „Botschafter-Stadt des Friedens“ geehrt. Ganz in dieser Tradition steht auch der jährliche internationale „Dialog an der Wolga“, auf dem über Möglichkeiten der internationalen Zusammenarbeit unterhalb der großen Politik gesprochen wird.

Einen großen Beitrag zur Entwicklung der Städtepartnerschaften von Wolgograd leistete dessen ehemaliger Oberbürgermeister Jurij Starovatych, einst zweifacher Olympiateilnehmer im Radrennsport für die Sowjetunion. In seine Amtszeit fiel u.a. der Abschluss der Partnerschaftsvereinbarung mit Köln, der zweiten mit einer deutschen Stadt – nach dem damaligen Karl-Marx-Stadt. Er freue sich darüber, wie sehr sich die Stadtverwaltung und Bürgerinitiativen der Stadt am Rhein für den Austausch und die Zusammenarbeit mit Wolgograd einsetzen. Umso bedauerlicher und für ihn unverständlicher sei es, dass aus dem heutigen Chemnitz kein Vertreter an der Konferenz in Düren teilnahm. „Ich engagiere mich heute in Wolgograd aktiv im Kampf für den Frieden und dabei spielen die engen Verbindungen zu unseren Partnerstädten eine große Rolle, weil sie dazu betragen können, die derzeitigen Probleme auf politischer Ebene, wie die Sanktionen zu überwinden“, betonte er.

Dass sich auch die Wolgograder Partnerstadt Coventry in vielfältiger Weise für Frieden und Verständigung engagiert, belegte eindrucksvoll der stellvertretende Vorsitzende des Stadtrates, Abdul Salem Khan. So sei Coventry Heimat des Global Peace Forums, das neues Denken zu Frieden und Konflikten fördert. Gemeinsam mit Kirche und Universität habe die Stadt ein treffen von Nobelpreisträgern und ehemaligen Staatsführern organisiert, bei dem Wege zu einer friedlicheren Welt diskutiert wurden. Aber man stelle sich auch anderen schwierigen Aufgaben unserer Zeit: „Wie sind stolz, eine „Stadt der Zuflucht“ zu sein, die vielen vor Gewalt und Verfolgung Flüchtenden Sicherheit bietet.“


Für ein positiveres Russlandbild

In einer der beiden deutschen Partnerstädte von Wolgograd, Köln, arbeit man ebenfalls aktiv am Ausbau der Beziehungen, wie Eva Aras, Vorsitzende des Partnerschaftsvereins Köln-Wolgograd e.V., erzählte. Seit über 30 Jahren gibt es Schüleraustausche, gegenseitige Auftritte von Jazzgruppen, jedes Jahr werden Wolgograder Läufer beim Köln-Marathon betreut, seit 17 Jahren läuft die Hilfe für ehemalige ZwangsarbeiterInnen. Das umfangreichste Projekt aber seien die regelmäßig mit großem Erfolg organisierten Bürgerreisen in die Stadt an der Wolga. Gegen die allgegenwärtige Russlandschelte fand sich der Verein mit dem Kölner Friedensforum, der Gewerkschaft Ver.di, der Lutherkirche Südstadt, der Volkshochschule und Einzelpersonen zu einem „Bündnis für ein positiveres Russlandbild“ zusammen. Es wurden drei große Veranstaltungen zu Russland organisiert, die großen Zuspruch fanden und dem Partnerschaftsverein neue Mitglieder brachte.

Mit einem ganz besonderen „diplomatischen Korps“ pflegt Osnabrück, das sich den Beinamen „Friedensstadt“ gegeben hat, seine Partnerschaftsbeziehungen. Wie Jens Koopmann, Leiter des Partnerschaftsbüros in der Stadtverwaltung, erläuterte, gibt es für mehrere Partnerstädte, darunter auch das russische Twer, eigens berufene StädtebotschafterInnen. „Das sind junge Menschen aus dem jeweils anderen Land, die sich für ein Jahr um die Entwicklung der Städtepartnerschaften kümmern. Dafür wurden bei uns vier bezahlte Stellen eingerichtet.“ Die derzeitige Städtebotschafterin aus Twer, Maria Madenowa, hat besonders vielfältige Aufgaben, weil es in Osnabrück bislang keinen Partnerschaftsverein mit der russischen Stadt gibt. „Für mich ist das eine sehr gute Möglichkeit, Land und Leute kennenzulernen und vor allem etwas Konkretes für den Ausbau der Beziehungen zwischen unseren beiden Städten zu tun, beispielsweise beim Jugendaustausch“, erklärte sie.

In ihrem Fazit der Beratung der Arbeitsgruppe betonte die Geschäftsführerin der Stiftung West-Östliche Begegnungen, dass in allen Beiträgen deutlich wurde, dass die zivilgesellschaftliche Ausgestaltung der Städtepartnerschaften ein ganz konkreter Beitrag zur Verständigung und zur Sicherung des Friedens sei. hh